Theologie studieren? Oder doch lieber was mit Umwelt?

Frage an die Pfarrerin:
Hallo!! Ich wollte mal fragen ob Sie mir ein paar Tipps bezüglich Theologie-Studium geben könnten 🙈 ich wurde gerade verunsichert, weil ich eigentlich dachte ich könnte mit Theologie auch in den Bereich Umweltschutz oder Menschenrechte gehen… und jetzt wurde mir vorgeschlagen dann lieber gleich etwas in die Richtung zu studieren
Könnten Sie mir da weiterhelfen?

Liebe/r S.

Es kommt drauf an, was Du willst.

Es gibt wohl – außer Philosophie – kaum ein Studium, das so zu einem Abenteuer mit Dir selber wird – weil hier eben DEINE Fragen der Schlüssel zu allem sind.

Wer keine Fragen hat, wer nicht neugierig ist auf alles, was je gedacht wurde über Gott und die Menschen – den wird der Zauber des Studiums nicht packen. Da bleibt´s dann Plackerei.

Was ich von manchen Studierenden höre, ist der „Anfangsschock“: Die Leute um einen rum sind schon strange! Theologiestudierende – eine Welt für sich? Möchte man so werden? Und wenn man sich selbst outet als „theologiestudierend“ – wird man sofort ebenso strange angesehen… Haftet einem da was an? Einfach mit der Immatrikulation?

Will man das? Oder so studieren, wie alle studieren?

Ach, in dem Moment, wo Du „Deine“ Leute gefunden hast, die so ticken, wie Du, hat sich das eh erledigt. Und Du findest „Deine“ Leute- auch unter den Theologiestudierenden gibt es ganz viele verschiedene Typen. Ein paar ticken wie Du – und die warten doch nur auf Dich!

Theologiestudium ist Fülle und verwirrende Perspektiven. Ein Zauberwald aus Büchern, Menschen und Gedanken.

Je länger man drin ist, umso mehr entdeckt man! Und dann vergisst man, warum man rein ist und wie man rauskommt… Doch irgendwann packen einen dann Geldnöte und Examensordnungen, und die geben den nötigen „Raustrieb“. 😉

Am Ende des Studiums kann man vor allem eins: Gedanken und Systeme verstehen.

DAS ist die perfekte Grundlage für alles, was mit Menschen und Systemen zu tun hat. Ergo: Umweltschutz, Menschenrechte, Wirtschaft ….

Es gibt zwei Arten, Theologie zu studieren. Entweder man lässt sich voll darauf ein – und ist eben dann im besten Sinn „Voll-Theologe“ oder „Voll-Theologin“.

Immer wird einem die Theologie (nicht unbedingt gleich während des Studiums – aber während des Lebens, das ja für Theologen immer ein Berufs-Leben ist!) eine ständige Hilfe sein, die Welt zu decodieren.

Sprach-Systeme, Lebens-Systeme, Gesellschafts-Systeme, das, was ein System jeweils im Innersten zusammenhält (und wer warum es so will) – das können wir entschlüsseln und dafür Sprache finden, mit der wir´s anderen verdeutlichen!

Wir studieren, wie man andere(s) „versteht“.

Das ist in so ziemlich jedem Beruf brauchbar.

Weil man „mehr“ sieht und „mehr“ hört und vor allem in größeren Zusammenhängen komplex denken kann und will. DAS ist heutzutage extrem gefordert!

Wer will denn noch Komplexität? Alles soll leicht sein, schnell eingängig, gut-böse, schwarz-weiß. Passend – sonst ist´s gleich „zu schwer“. Aber wie sollen Umwelt, Menschenrechte, all die Herausforderungen dieser Welt und unserer Zukunft mit so unterschiedlichen Lebensentwürfen von Milliarden Menschen „einfach“ in Einklang zu bringen sein?

Studieren heißt immer: Sich Komplexität stellen.

Religion ist eine Art neben anderen, die Welt zu sehen und zu deuten. Theologie tut dies als zugehörige Geisteswissenschaft. Theologie ist nicht Religionswissenschaft – Du gehst von einem klaren Punkt aus: Von der christlichen Weltsicht. Doch eben nicht religiös, sondern wissenschaftlich. Das geht? Ja. Ist eine der ältesten Disziplinen der Uni.

Theologie studieren heißt: Lernen: Es gibt keinen Einklang, es gibt VIELklang. Und diese vielen Klänge muss man bündeln können wie ein Komponist, mit ihnen umgehen wie ein Dirigent, sich daran freuen und nicht davor fürchten – sie aber auch beurteilen können auf ihre Wirkung hin und ihre Kraft und ihre Tragfähigkeit, ihre Stärken und Schwächen.

Theologie studieren macht Dich zu einem urteilsfähigen Menschen auf der Basis einer sehr fundierten, unheimlich vielfältigen Geisteswissenschaft –

und da haben wir noch gar nicht darüber gesprochen, was das alles mit Religion und erst recht nicht, was das mit Glauben an sich und überhaupt gar mit dem persönlichen Glauben zu tun hat.

Aber alle Menschen „glauben“ an irgendwas; und wer gelernt hat, seinen eigenen Glauben auch einmal mit Distanz zu betrachten und seine Fundamente nicht mehr nur auf eigenes Ego und eigene Prägung, sondern auf die Grundlage von Tradition einerseits und systematischer Analyse andererseits zu stellen – kann Glaubensaussagen (Überzeugungen, Handlungsmotive) anderer verstehen, einordnen, koordinieren, deuten. SO VIEL kann man! Nicht gleich nach dem Studium – aber durch dieses Studium. Und: In Sachen Theologie sind wir eh nie fertig mit dem Studieren – das bleibt ein „status“.

Und wenn es das nicht ist – so ausschließlich Theologie?

Hast Du zusätzlich Interessen in Politik, Medien, Kunst, Ökologie, Wirtschaft oder Menschenrechtsaktivitäten – dann wirst Du Dich parallel zum Studium ja auch da einbringen – Zusatzqualifikationen kommen entsprechend Deiner Neigung dazu.

Und dann zeigt sich: Sind diese Neigungen so stark, dass Du ihnen professionell folgen willst? Dann mach das Theologiestudium eben zum Begleitfach. Das lohnt (für die geistige und geistliche Fitness) immer (!!!!) – und kommt später beim Beruf ziemlich gut. Denn „Verstehenkönnen“ bleibt die Schlüsselqualifikation.

Und Verstehenlernen auch in Bezug auf Religion – das ist zur Zeit in allen Bereichen dran. Denn die Welt IST religiös. Am meisten glauben wir ans Geld und an die Machbarkeit, an Gesundheit oder daran dass alles den Bach runtergeht….

Theologen kennen den Unterschied zwischen Selbsterlösungskonzepten und dem Prinzip Hoffnung….

Bei ersterem gehen Menschen drauf, das zeigt die Geschichte. Bei letzterem tun sie das nicht… Das macht den Unterschied.

Und wenn Dir das jetzt alles too much ist, so viel Verheißung, zu weit in der Zukunft (denn man muss hineinwachsen, Du wirst über 30 sein, bist Du spürst, was ich meine!), wenn Du was Handfestes willst und schnelle Einsetzbarkeit – dann mach das, was Dich da eben so reizt! Dann tu es!

Frag Dich: Was für ein Menschentyp in ich?

Beispiel: Fichten wachsen schnell. Eichen langsam. Fichten kann man schneller nutzen. Buchen haben die andere Qualität. Bist Du für schnelle, gute Verwendbarkeit oder hast Du Zeit? Brauchst Du vielleicht sogar Zeit, um rauszukriegen, wer Du wirklich bist?

Studiumswahl ist auch Typsache…

Noch was: Bei Theologie wirst Du erst mal das Gefühl haben, in die FALSCHE Richtung zu gehen. Das ist normal, dieses Gefühl!

Dich wird viel verwirren. Viel anstrengen. Und zwischendurch fragst Du Dich, was Du mit diesem Studium später mal anfangen sollst – ob´s Dich auch nur ansatzweise vorbereitet auf irgendwas, was heutzutage „echtes Leben“ heißt… (Ich würde immer nebenher arbeiten, trotz Studium: Es ist gut, wenn man weiß, was Geld wert ist und wie es sich anfühlt, in einem Beruf zu arbeiten, den andere auch haben, mit Chef und festen Arbeitszeiten und all so was…)

Wenn Du Dir nicht sicher bist, ob Du Theologie machen sollst, dann stell Dir doch mal von der Zukunft her die Frage:

Hast Du das Gefühl, dass Dir irgendwas „fehlt“, wenn Du später mal nicht von Dir sagen kannst, Theologie studiert zu haben? Dann wag den Schritt! Abbrechen kannst Du immer noch. Aber gönn Dir, dass Du´s ausprobiert hast.

Du musst keine Erwartungen erfüllen.

Krieg raus: Bist Du der Typ für „klar und sicher“ – oder eher für „bewusst in Kauf nehmen, Bisheriges zu verlieren“ (Denkweisen, Menschen, Lebenswelten, Kompatibilitäten…)? Denn das Studium verändert Dich – und die Berufe, die Du mit diesem Studium ergreifen kannst, sind für manche etwas „besonders“…

Wenn Du Dich gegen Theologie entscheidest, geht die Welt übrigens nicht unter. Da schließt sich keine Tür für immer! Auch in andren Berufen muss es doch Christen geben! Menschen, die „religiös musikalisch“ sind. Also – vielleicht grade Dich, so wie Du bist, mit Deinem Interesse an Theologie und Glaube – aber eben in einem anderen Bereich.

Ehrenamtlich kannst Du immer tätig sein. Also: Wenn die Kirche, die Gemeinde Dir wichtig ist – das bleibt Dir immer.

Frag Dich noch das:

Willst Du LERNEN? LESEN? Dich so sehr eindenken in völlig fremde Gedankensysteme – bis Du sie verstehst und ihnen gar widersprechen kannst? Um ihrer selbst willen? Da ist noch nicht ein Cent damit verdient, und Du hast mit dieser Lektüre und inneren Auseinandersetzung noch niemandem genutzt – außer Dir und der geistigen Redlichkeit in unserer Gesellschaft. Und: Das ist nicht wenig! Weil es Denker braucht (was man erst merkt, wenn es sie nicht gibt).

Oder willst Du das Lernen und Lesen auf ein ZIEL hin – anwendbar? Gleich? Klar? Und ja – trotzdem noch mit ganz vielen Optionen? Dann studiere was anderes – das ist dann das Richtige für Dich.

Aber falls es doch die Theologie wird: Was machst Du dann mit dem Studium?

Die Kirche ist im Wandel. Ich glaube, wer mutig ist und „sein Ding“ machen will, das, wozu er/sie sich berufen fühlt – kann als Pfarrer/in IMMER in die Vollen gehen.

Aber Du hast ja gefragt, weil Dich Umwelt und Menschenrechte so interessieren. Nun: Bundespräsident Gauck war Pfarrer. Die Wende der DDR wäre nicht gekommen ohne all die Pfarrer, die Umweltschutz und Menschenrechte so ernst genommen haben, dass sie dafür Menschen Raum in ihren Kirchen gaben und Gottesdienste dafür machten…. und so viele Pfarrer waren bei Demos gegen Atom und Krieg dabei. Heute riskieren Pfarrerinnen viel, wenn sie Kirchenasyl anbieten. Oder machen Streetworkerarbeit oder kümmern sich nur um Leute, die für niemanden sonst interessant sind. Du kannst mit diesem Studium in unserem Beruf alles machen – wenn Du willst und wenn Du nicht unbedingt eine Komfortzone brauchst.

Deine Generation hat die Qual der Wahl. Ihr werdet überall gebraucht. Da nimmt man nicht mehr „was man halt gekriegt hat“ – sondern macht sich ziemlich Druck: Es muss doch passen! Was, wenn ich mich falsch entscheide?

Jedes Studium und jeder Beruf haben mit Hingabe zu tun – und mit Aufgeben.

Denn aufgeben muss man jedes Mal, wenn man sich für eine Berufsausbildung entscheidet – nämlich die meisten Alternativ-Optionen. Wir kommen nicht drum herum: Irgendwann muss man sich dafür entscheiden, eine Sache eben besonders gut zu können – Profi zu sein. Willst Du Profi werden in Theologie? Oder Profi in Umwelt oder Profi in Menschenrechten?

Profi sein heißt, in einer gewissen „Liga“ spielen. Irgendwann so viel Fachwissen und Erfahrung haben, wie man es sich als Laie und Liebhaber nie hätte aneignen können.

Trotzdem kann man neben dem Professionellen noch viele andere Begabungen ausleben. Als Profi kannst Du dann immer noch dem „Anderen“ Raum geben.

Du behältst als Theologin Dein Engagement für Menschenrechte und machst ein Biotop im Pfarrgarten – und umgekehrt kannst Du als Menschenrechtsaktivistin sonntags in die Kirche gehen und Jungschar halten und Bibel lesen.

Aber als was willst Du Dich vor allem definieren? Dass es zu Dir gehört wie Dein Name, dass es zu einem Teil Deines Wesens wird, dass Du Dich damit identifizierst? Denn ein Beruf, den Du studierst – der macht DICH aus! Nicht völlig – aber schon erheblich. Darum denkst Du ja grade so gewissenhaft drüber nach. Frag Dich:

Was verdient Deine Hingabe?

Das krieg raus! Denn darum geht´s!

Und dann: Wag´s!

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